Die Kunst der indirekten Guidance

Die Kunst der indirekten Guidance

"Die Sitzung des EZB-Rats hat – wie weithin erwartet – keine erneute Senkung des Leitzinses, aber doch Signale für den weiteren Pfad der Geldpolitik gebracht. Obwohl die EZB weiterhin die Datenabhängigkeit ihres weiteren Handelns von Sitzung zu Sitzung stark betont, und sich damit im Gleichklang mit der Fed befindet, sehen wir doch, dass sie die Märkte indirekt ziemlich klar in Richtung nächster Leitzinssenkungen im September geleitet", kommentiert Robert Greil, Chefstratege von Merck Finck.
Blitzlicht vom 18. Juli 2024

Die Sitzung des EZB-Rats hat – wie weithin erwartet – keine erneute Senkung des Leitzinses, aber doch Signale für den weiteren Pfad der Geldpolitik gebracht. Obwohl die EZB weiterhin die Datenabhängigkeit ihres weiteren Handelns von Sitzung zu Sitzung stark betont, und sich damit im Gleichklang mit der Fed befindet, sehen wir doch, dass sie die Märkte indirekt ziemlich klar in Richtung nächster Leitzinssenkungen im September geleitet.

So äußerten einige Notenbanker zuletzt, dass sie vor dem Hintergrund des Inflationstrends mittelfristig Spielraum für eine Lockerung der Geldpolitik sehen. Gleichzeitig stellten sie jedoch heraus, dass sie noch mehr Daten benötigen, um ausreichend zuversichtlich zu sein, dass die Inflation bis Ende 2025 auf 2 % fällt. Eine wichtige Rolle werden dabei künftige Lohndaten wie die für das zweite Quartal spielen, die erst nach dieser Sitzung veröffentlicht werden. Die Bedeutung des Lohntrends hat die EZB heute erneut betont, wobei sie vor allem nächstes Jahr mit einer moderaten Entspannung rechnet. Letztendlich beruht die Inflationsprognose der EZB auch darauf, dass sie von diesem nachlassenden Lohnwachstum ausgeht. 

So scheint die eigentliche Kunst der Notenbanken derzeit darin zu bestehen, einerseits das Vertrauen in die nachvollziehbare Datenabhängigkeit zu erhalten, die Märkte aber über das angedachte Timing einer weiteren Leitzinssenkung nicht zu verunsichern. Die in den Future-Märkten eingepreisten Wahrscheinlichkeiten zeigen, dass diese Art der „indirekten Guidance“ gut funktioniert.

So rechnen auch wir mit der nächsten EZB-Leitzinssenkung um 25 Basispuntkte bei der nächsten Sitzung am 12. September – praktisch im Gleichschritt mit der Fed, die nur sechs Tage später ihre September-Zinsentscheidung bekannt gibt – und im weiteren Jahresverlauf auf EZB-Seite noch mit einer weiteren Senkung im Dezember, was den Hauptrefinanzierungssatz dann auf 3,75 % bringen würde.

Robert Greil, CFA, 
Chefstratege 
MERCK FINCK A QUINTET PRIVATE BANK

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